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Geschichte des Sanitätsdienstes in der Schweizer Armee

Rückblick auf den Vortrag vom 27. März 2019

 

Die Schlachtfelder prägten die Medizin

Zu einer Armee gehört heute ein moderner Sanitätsdienst. Das war nicht immer so und muss auch künftig jeweils mit grossen Anstrengungen erreicht werden.  Divisionär Andreas Stettbacher, Oberfeldarzt und Beauftragter für den Koordinierten Sanitätsdienst der Schweizer Armee, zeigte auf, was dazu nötig ist.

Divisionär Andreas Stettbacher, Oberfeldarzt und Beauftragter für den Koordinierten Sanitätsdienst, hat es verstanden, die zahlreichen Besucher seines Referats beim Verein Schweizer Armeemuseum in seinen Bann zu ziehen. Der Bogen der Präsentation spannte sich von den ersten dokumentierten Kriegsverletzungen und deren Behandlung um 30’000 v.Chr. über die in der «Justinger Chronik von 1420» erwähnten Anfänge des «militärischen Sanitätswesens», wo Rudolf von Erlach bei der Schlacht von Laupen am 21. Juni 1339 befahl, «die Verwundeten zu verbinden».  Erste Anweisungen für die Versorgung von Verwundeten fanden sich dann im «Feldbuch der Wundarzney, Strassburg 1517» verfasst von Hans von Gersdorff und der Berner Stadt-Medico-Chirugus Fabricius Hildanus (1560-1634) definierte mit seinem «Feldkasten» ein wahrscheinlich erstes Sortiment mit Instrumenten und Medikamenten zur Versorgung der Verwundeten im Feld.

 Mit einer gewissen Genugtuung merkte der Berner Referent an, dass bereits zu dieser Zeit viele Impulse aus Bern stammten, wo z. B. im 18. Jahrhundert festgehalten war, dass das «Collegium Insulanum» (Inselspital) den Befehl hatte, «zwei gute Chirurgen, vier Gesellen, vier Mittler und vier Jungen zu bestellen und parat zu halten, um auf erstes Begehren schleunigst zur Armee geschickt werden zu können». Eine besondere Erwähnung fanden die medizinischen Neuerungen im Laufe der Zeit, die in vielen Fällen durch Impulse der Schlachtfeld-Erfahrungen entstanden.

Viele Verwundete überlebten den Transport nicht

Die hervorragend dokumentierte Geschichte des Sanitätsdienstes von der Helvetik bis in die Neuzeit orientierte sich in der Folge an der Berufung und am Wirken der dafür verantwortlichen Oberfeldärzte.

Einen echten, lange dauernden Einbruch in der Bedeutung des Sanitätsdienstes und damit auch seiner personellen und materiellen Ausstattung ergab sich 1850 nach dem Sonderbundskrieg mit seiner Unterstellung unter dem Kommissariatsdienst. Mit der Schaffung der Rotkreuzbewegung durch Henri Dunant 1863 – gestützt auf seine schrecklichen Erlebnisse nach der Schlacht von Solferino 1859 – und dann 1870/71 mit der Internierung der Bourbaki-Armee, ergaben sich neue Impulse für den Sanitätsdienst. Mit der erstmaligen Schaffung von Ambulanzfourgons und Sanitäts-Eisenbahnzügen (Güterwagons) für den Transport der Verwundeten ergab sich ein wichtiger Schritt, da bisher dafür keine Transportmittel zur Verfügung standen und die Verwundeten häufig den Transport nicht überlebten.

Grippe als Herausforderung

Bedeutsam war auch die 1873 erfolgte Einführung der sanitarischen Musterung und damit die Sicherstellung, dass nur dienstfähige Mannschaft in die Armee aufgenommen werden.  Während des 1. Weltkrieges, besonders in den Jahren 1918/19, zeigte sich die Grippe-Pandemie mit 14’023 erkrankten und davon 1’805 verstorbenen Angehörigen der Armee als grösste Herausforderung. Nur dank dem Einsatz des Schweizerischen Roten Kreuzes mit 742 Krankenschwestern – wovon 63 ebenfalls an der Grippe starben – konnte die Krise bewältigt werden.

In der Zwischenkriegszeit war als wesentlicher Punkt die Aufrüstung der ganzen Armee gegen die Bedrohung durch chemische Kampfstoffe zu verzeichnen, jedoch gab es keine Fortschritte im eigentlichen Sanitätsdienst, insbesondere wurden die Lehren aus dem 1. Weltkrieg nicht umgesetzt.

Hilfe für ausländische Armeeangehörige

Im Zweiten Weltkrieg wurde ein komplexes Sanitätssystem konzipiert, das jedoch zu gross geriet und nur in Teilen zur Umsetzung gelangte. Bedeutende Aufgaben waren in diesem Zeitraum die Betreuung von internierten ausländischen Militärangehörigen und Einsätze der «Guten Dienste» im Rahmen von Rotkreuzmissionen im Ausland. Im Schlussbericht von General Guisan über den Aktivdienst 1939-1945 wurden die Leistungen des Armee-Sanitätsdienstes positiv hervorgehoben.

Während der Dauer des Kalten Krieges stand ein künftiger totaler Krieg unter Einbezug von Nuklearwaffen im Zentrum der Annahmen, was dazu führte, dass im zivilen und militärischen Bereich eine grosse Zahl von geschützten Sanitätseinrichtungen geschaffen wurden. Mit dem Mauerfall und Glasnost ab 1990 erfolgte eine drastische Reduktion der Armeebestände und sukzessiver weitgehender Verzicht auf die geschützte Sanitäts-Infrastruktur. Die heutige Situation des Sanitätsdienstes der Armee  – mit gewaltigen Anstrengungen zur Aktualisierung der Ausbildung und Ausrüstung – wurde vom Oberfeldarzt Andreas Stettbacher abschliessend detailliert dargestellt.

Fotos: © Markus Hubacher, Spiez